Tradition hat einen Namen: SV Südwest

Rückblick

Südwest schickt „Rote Teufel“ in die Hölle

RÜCKBLENDE: Heute vor 30 Jahren warf Südwest Ludwigshafen den hochfavorisierten 1. FC Kaiserslautern aus dem DFB-Pokal

VON HANS-DIETER CONRAD

LUDWIGSHAFEN. Die Fußball-Pfalz stand Kopf. Riesenjubel beim SV Südwest und ganz Ludwigshafen im Freudentaumel. Am 2. Dezember 1978 schreibt der SV Südwest Ludwigshafen Fußballgeschichte. Der sensationelle 2:1-Pokalsieg des Oberligisten über den Fußball-Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern sorgte bundesweit für Aufsehen und rückte die Mannschaft ins Rampenlicht. Auch 30 Jahre danach lassen Erinnerungen daran Fußballherzen höherschlagen.

In Siegerpose jubelnd auf den Schultern seiner Spieler, so erschien Südwest-Trainer Werner Pohl damals auf den Titelseiten der Zeitungen. Ein schöneres Geschenk zum 52. Geburtstag hatte er sich nicht träumen lassen. Seine Mannschaft war Gast im „Aktuellen Sportstudio“, Torschütze Willi Kiefer wurde in der ARD-Sportschau gefeiert. Torwart Dieter Hermann, der Elfmeterkiller, „Salto“-Willi Kiefer oder Auswahlspieler Harry Streller – Ludwigshafens Pokalhelden von einst plaudern gerne vom glorreichen Siegeszug im DFB-Pokal 1978/79.

Bis ins Viertelfinale stießen sie vor. Als kleiner Amateurverein stand der SV Südwest mit Zweitliga-Aufsteiger Rot-Weiß Oberhausen und den Profis von Fortuna Düsseldorf, dem späteren Pokalsieger, Bayer Leverkusen, 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin, und Bayer Uerdingen unter den acht Besten. Erst am 26. Mai 1979 stoppten die Nürnberger den Triumphzug. Die Ludwigshafener verloren in der Noris 0:2. Für die meisten von ihnen bedeutete der Sieg über den 1. FC Kaiserslautern der Höhepunkt ihrer Fußball-Karriere schlechthin.

Mit einem Salto – bis dato einmalig im Fußball – wurde Willi Kiefer richtig bekannt.

In der ersten Runde hatten die Blau-Weißen Oberligist Concordia Hamburg mit 2:0, danach Zweitligist Viktoria Köln mit 4:2 aus dem Pokalrennen geworfen. „Heiß“ gemacht und beschworen von ihrem Trainer Werner Pohl, der unablässig wild fuchtelnd an der Seitenlinie hin und her sauste. Der sympathische, schon im Sommer 2000 verstorbene Dresdner, ehemals „Stopper“ beim SV Phönix, galt als großartiger Motivationskünstler. Wohl nichts hätte die sächsische „Gämpfer-Natur“, als die er sich selbst bezeichnete, treffender charakterisieren können, als seine während des Spiels hoch gekrempelten Hosenbeine. Angeschlagene Gesundheit, die Pohl schon im November 1978 vor dem FCK-Hit kurzzeitig in die Klinik zwang, stoppte im Frühjahr 1979 seine Laufbahn als Fußball-Trainer. Beim Achtelfinale gegen SSV Ulm 46 (1:1, Wiederholungsspiel 1:0) und beim Pokal-Aus in Nürnberg saß Ex-Profi Lorenz Horr auf der Trainerbank.

[Bildunterschrift unter den Fotos] Ein Bild, das durch die Medien ging: Hans-Peter Briegel (links) weint nach der Niederlage des 1. FC Kaiserslautern beim SV Südwest Ludwigshafen. Trainer Karl-Heinz Feldkamp tröstet ihn. Die Szene im rechten Bild war der Anfang vom Ende. Günter Becker „hämmerte“ den Ball zum 1:0 ins Lauterer Tor. Torwartlegende Ronnie Hellström riss es dabei „die Fäuste weg“, wie der Schwede hernach Journalisten sagte. FOTOS: ARCHIV

Ein Weltmeister von 1954, Max Morlock, hatte für den SV Südwest das große Los gegen den FCK gezogen. Über 17.000 Fans strömten an jenem Dezembersamstag ins Südwest-Stadion. Im „Kurhaus Trifels“ in Annweiler hatten die Amateurfußballer Energie und Selbstvertrauen getankt. „Ich hatte nie daran gedacht, dass wir überhaupt soweit kommen“, blendet Harry Streller (53) zurück. Und dennoch: „Gegen den übermächtigen FCK wollten wir es wissen“, erinnert Ex-Torwart Dieter Hermann (54) an die tolle Stimmung im Trainingslager. Nach der ersten Punktspiel-Niederlage in Gladbach (1:5) wähnte man Bundesliga-Primus Kaiserslautern „angeschlagen und verwundbar“, erzählt Harry Streller, der die Rolle des Abfangjägers vor der Abwehr übernehmen musste. Gegen die Profis Hellström – Schwarz, Neues, Briegel, Groh – Melzer, Bongartz, Schuhmacher – Geye, Toppmöller und Wendt hatten die Amateure nichts zu verlieren.

Der „Geist von Annweiler“ versetzte (Betzen) Berge. Hermann – Krebs – Wlodarczyk, Lähr, Langensteg – Weber, Flohr, Streller, Kiefer (für den später Willi Ritz eingewechselt wurde) – Becker und Klemm: So hieß die Formation, die den „Roten Teufeln“ schon nach 40 Sekunden einheizte. Joachim Langenstegs langen Pass „hämmerte“ der überragende Günter Becker zum 1:0 ins Lauterer Netz. Torwartlegende Ronnie Hellström riss es dabei „die Fäuste weg“, wie der Schwede hernach Journalisten sagte. „Aber noch ahnte niemand von uns Schlimmes“, sagte Mittelfeldspieler Michael Schuhmacher, der ehemalige LSC-Spieler im FCK-Dress. Als aber der wiederholt gefoulte Hans-Peter Briegel nach einem Frust-Schubser an Leichtgewicht Winfried Flohr nach einer halben Stunde die Rote Karte sah, „spürten wir alle, dass Lautern nervös wurde und zu packen war“, berichtet Willi Kiefer. Unter Tränen, von FCK-Trainer Feldkamp getröstet, verließ der 23 Jahre alte Amateur-Nationalspieler, damals noch ohne A-Länderspiel, den Platz – ein Foto von Briegel, das auf alle Redaktionstische flatterte.

Südwest war Gast im „Aktuellen Sportstudio“, Torschütze Kiefer in der ARD-Sportschau.

Das gleiche Schicksal ereilte übrigens Südwest-Verteidiger Willi Wlodarczyk in der 81. Spielminute. In Überzahl bot Südwest den Profis die Stirn. Weil aber der Underdog viele gute Chancen ausließ, schien Melzer’s Kopfballtor zum 1:1 für die Gäste (70.) das Pfalzderby dann doch in erwartete Bahnen zu lenken.

Sechs Tore schoss Willi Kiefer im Pokal. „Eigentlich waren es acht“, sagt der 52 Jahre alte spätere Profi, der heute in Edenkoben lebt. Zwei seiner Meinung nach reguläre Treffer wurden in Nürnberg nicht anerkannt. „Zum Überlegen blieb keine Zeit. Ich fackelte nicht lange und der Ball war drin“, erinnert sich Willi Kiefer an das umjubelte 2:1 (78.). Das Stadion bebte. Mit einem Salto – bis dato einmalig in der Fußballszene – bejubelte Kiefer seinen Treffer. Als „Salto-Willi“ wurde er in ganz Deutschland bekannt. Noch heute kribbelt es ihm unter der Haut: „Solch eine Begeisterung erlebt man als Fußballer nur einmal.“

Torwart Dieter Hermann besiegelte schließlich die Lauterer Schmach endgültig, hielt Sieg und Sensation für den SV Südwest fest, als er in der Schlussminute einen Strafstoß von Mittelstürmer Klaus Toppmöller parierte. Trainer Pohl hatte Hermann die richtige Ecke signalisiert. „In 36 Jahren hielt ich viele Elfmeter, aber das war wohl der Wichtigste“, schmunzelt er heute.

„Wir hatten die Geschichte unterschätzt“, gibt Hans-Günter Neues nach 30 Jahren zu. Als damaliger FCK-Abwehrchef wurmt ihn die Schlappe heute noch. „Schade, dass Südwest die Stunde der Sensation zu wenig nutzte“, bedauert Neues. Er trainierte später zweimal den SV Südwest. Auch als Ludwigshafen im Pokal 1990 wieder auf Kaiserslautern trafen, dann aber 1:7 verlor.